Dienstag, 29. September 2026
Grußwort für September 2026
800 Jahre tot – und trotzdem hat er mehr zu sagen als die meisten Lebenden
Zum 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi (3. Oktober 2026)
Stellen Sie sich vor, jemand zieht sich mitten auf dem Marktplatz die Kleider vom Leib, wirft sie seinem Vater vor die Füße und sagt: „Ab jetzt gehört mir nichts mehr – und genau deshalb bin ich frei.“ Assisi, 1206. Der Sohn eines reichen Tuchhändlers, der gerade sein halbes Erbe verschenkt hat, steht nackt vor der Stadt und fängt neu an. So beginnt die Geschichte des Franz von Assisi – am 3. Oktober 2026 jährt sich sein Tod zum 800. Mal.
Man könnte das museal begehen: Gedenktag, Nostalgie, Vögel füttern, fertig. Aber Franz war kein netter Naturfreund mit Faible für Tiere. Er war ein Störenfried – und Störenfriede werden nicht dadurch harmloser, dass man sie heiligspricht.
Was er der Kirche zu sagen hätte
Franz trat vor einen Papst, der in Prunk residierte, und sagte im Grunde: So nicht. Keine Besitztitel, keine Machtansprüche, keine goldenen Fassaden – nur das nackte Evangelium, zu Fuß gelebt. Alles hatte vor einem Kreuz begonnen: In der zerfallenen Kirche San Damiano hörte er die Stimme Christi: „Geh, Franziskus, baue mein Haus wieder auf.“ Er verstand es zunächst wörtlich – Steine, Mörtel, ein Dach. Erst später begriff er: Gemeint war eine ganze Kirche, die sich neu erfinden musste. Eine Kirche, die heute über Strukturreformen und Sparpläne diskutiert, tut gut daran, sich zu fragen: Reden wir übers Verwalten – oder übers Neubauen?
Was er der Gesellschaft zu sagen hätte
Wir leben in einer Welt, die sich selbst kaputtoptimiert: höher, schneller, mehr – und gleichzeitig ausgebrannt, einsam, am Limit. Franz hat vor über 800 Jahren etwas verstanden, das uns heute wie eine Erkenntnis vom Klimagipfel vorkommt: Sonne, Mond, Wasser, Feuer, sogar der Tod sind für ihn Geschwister, nicht Ressourcen. Eine Gesellschaft, die den Planeten als Selbstbedienungsladen behandelt, könnte von einem lernen, der freiwillig arm wurde – weil er begriffen hatte: Wer nichts besitzen will, kann auch nichts verlieren.
Das Zeichen, das er hinterließ
Franz segnete mit dem griechischen Buchstaben T, dem Tau, Menschen, Häuser und Bäume. Er unterschrieb damit seine Briefe. Und er setzte es unter einen Segensspruch, den er seinem Mitbruder Leo mit auf den Weg gab, als dieser von großer Angst erfüllt war. Ein einziger Buchstabe, der alles tragen sollte: Stärke, Trost, Treue, Gnade, Hilfe, Demut, Liebe – bis hinunter zu Armut, Hingabe, Wärme und Kraft. Kein frommer Spruch von oben herab, sondern ein Zeichen, das von Gott bis in die eigenen Hände reicht.
Franz ist nicht gescheitert, nur weil seine Regel kurz nach seinem Tod verwässert wurde. Es bleibt die Erinnerung, dass Glaube dort lebendig bleibt, wo Menschen ihn ernst nehmen – nicht dort, wo er verwaltet wird. Genau das wünsche ich uns: unserer Pfarrei und unserem Bistum Speyer, die gerade mitten im Wandel stehen, dass wir uns nicht ducken, sondern mit demselben Mut wie Franz, zu Zeichen für Stärke, Trost und Hoffnung werden – füreinander und für alle, die uns brauchen.
Ihr Pfarrer und Seelsorger Marco Gabriel
