Donnerstag, 30. April 2020

Impuls zum 4. Sonntag der Osterzeit

Gedanken zum Evangelium Johannes 10, 1-10 Jesus der Torweg

Am 4. Ostersonntag, dem Tag, an dem wir eingeladen  sind, um Berufungen zu beten, meditieren wir über das Gleichnis vom Guten Hirten nach dem Johannesevangelium. Wir beten nicht nur für Berufungen zum Priestertum oder geweihten Leben, sondern vielmehr dafür, dass wir selbst Männer und Frauen sind, die wie Jesus, der gute Hirte, den Eintritt durch das Tor des Lebens erleichtern.

Wenn wir an Kapitel 10 des Johannesevangeliums denken, fällt uns sofort das Bild des Guten Hirten ein. Das heißt, wir kennen den Text mehr oder weniger auswendig. Das ist ein Vorteil. Es kann aber auch eine Gefahr sein. Solches Allgemeinwissen kann eine Ablenkung sein und uns daran hindern, den uns gegebenen Text neu zu entdecken.
Nun, obwohl es dasselbe Kapitel ist, in dem Jesus sich als guter Hirte bekräftigt, spricht der Text dieses Sonntags tatsächlich nicht über Jesus, den guten Hirten, sondern über Jesus als Tor. Was bedeutet das?

Das Tor oder die Tür ist die Öffnung, durch die wir eintreten oder hinausgehen können. Durch dieses Tor gehen sowohl die Schafe als auch der Hirte. Da ist klar, welche Verantwortung wir auch vor anderen haben mögen. Christus bleibt unser gemeinsames Zentrum. Es sind nicht nur die Schafe, die durch das Tor gehen, sondern auch der Hirte. Mit Jesus als Tor sind wir sicher und haben Zugang zum Leben. Es besteht die Freiheit, ein- und auszugehen. Sicherheit ist für diejenigen im Inneren garantiert und die Tür ist offen für diejenigen, die eintreten oder herauskommen wollen. Mit Jesus als Tor wird niemandem die Einreise verweigert; der Zugang steht allen offen. Jede Person hat einen Platz und ist namentlich bekannt. Er tritt ein, wie er ist.

Ich finde, dieses Bild von Jesus als Tor ist als eine Einladung zu bewerten, wie ich meinen Glauben in Bezug auf andere lebe. Der Hirte, der auch am Tor vorbeikommt, hat auch die Verantwortung eines Torwächters.
Die Versuchung ist groß, an Hirten oder Türhüter in Bezug auf Kirchenführer oder Seelsorger und Seelsorgerin eng zu denken. Es ist nicht falsch, so zu denken, aber wir können es erweitern. Durch unsere Taufe, insbesondere durch unsere unterschiedlichen Engagements in der Welt, sind wir auch Türhüter. Aber was für ein Türhüter bin ich?

Für manche Menschen wird das Tor nicht zum Einstiegspunkt, sondern zum Punkt moralischer Kontrolle. Das kann eine Gefahr für diejenigen sein, die daran denken, ein Christ in Bezug auf moralische Rechtschaffenheit zu sein. Es ist wahr, die Antwort des Glaubens auf die Liebe Gottes verwandelt uns. Trotzdem können wir uns nicht als Christen definieren, die auf moralischem Ansehen beruhen. Jesus, das Tor, das sich dem Leben öffnet, mischt sich unter die Sünder: Er lädt sich zu Zachäus ein und bittet ihn nicht, sich zu bekehren (Lk 19) - es ist eine freie Antwort; Jesus nennt Levi einen Steuereintreiber, um sein Jünger zu werden (Mt 9) - ihm wird keine Bedingung auferlegt; Jesus begrüßt die sündige Frau, die einen schlechten Ruf in ihrer Stadt hat (Lk 7). Das ist die Haltung von Jesus, dem Tor. Er ist ein Tor, nicht um Leute auszuschließen, sondern um den Eintritt zu erleichtern.
Papst Franziskus ermahnt die Kirche, ihre Türen offen zu halten und nicht als „Zollposten“ zu fungieren, sonst riskieren wir, „…Kontrolleure des Glaubens und nicht Vermittler“ zu werden.

In der heutigen Gesellschaft finden wir vor Jesus als Tor verschiedene Personen, die erwägen einzutreten: Einige befinden sich in einer moralischen Zerbrechlichkeit, andere werden von Zweifeln heimgesucht, und wieder andere fürchten oder erleben das Gefühl von Schuld und Scham. Die christliche Gemeinschaft spielt eine wichtige Rolle. Wenn diese Leute Türsteher am Tor finden, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie eintreten möchten. Aber wenn sie Platzanweiser finden, werden sie sich höchstwahrscheinlich ermutigt fühlen, einzutreten und zu sehen, was im Inneren passiert. Als Christen ist es unsere Berufung, Pfleger des Glaubens zu sein. Wir sind bemüht, ihren Eintritt zu fördern und zu erleichtern. Nur wenn sie hineingehen, können sie die unentgeltliche Liebe Gottes entdecken und erfahren.

Selbst inmitten der Corona-Krise können wir das Tor der bedingungslose Liebe Gottes, das Tor der Hoffnung, der Sicherheit, des Trostes und des Glaubens für andere sein. Lassen Sie uns daher an diesem Sonntag für Berufungen beten, dass wir als Christen wahre Platzanweiser sind, die andere ermutigen, das Tor des Glaubens zu betreten.
Amen.

In der Hoffnung, dass wir uns besonders in den Gottesdiensten bald wiedersehen werden, wünsche ich Ihnen allen alles Gute, Gottes Segen und Schutz!

Bleiben Sie gesund.

Pater Damian Ugwuanyi SMMM