Mittwoch, 25. November 2020

Grußwort Dezember / Januar

Liebe Gemeinde,

eine Ihnen wohl bekannte Weisheit der Ureinwohner Amerikas besagt: „Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt – sondern von unseren Kindern geliehen.“ Wenn ich aber auf diese Erde schaue, die erschüttert ist durch Armut, Arbeitslosigkeit, Ausbeutung, Rassismus, Terror, Krieg, Umweltverschmutzung, die oft Naturkatastrophen verursacht, sowie letztendlich durch die Corona-Pandemie, fällt es mir unheimlich schwer, daran zu glauben, dass unser Planet, auf dem wir alle leben, eine „Leihgabe“ derer sein soll, die an alledem keinerlei Schuld tragen.

Für mich sind es nämlich unsere Kinder, die die meisten Opfer bringen und dabei allzu oft von unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt oder gar vergessen werden. Ganz speziell in diesem, von zahlreichen Medien so genannten “Corona-Jahr“, bricht mir fast das Herz, wenn ich daran denke und es persönlich mitbekomme, was unserem Nachwuchs, der unsere Zukunft bedeutet, alles zugemutet wird.

Für mich sind unsere Kinder, neben den Helden des Alltags, ganz besondere und ganz große Helden. Sie müssen auf so vieles verzichten und akzeptieren alles gerade so, wie es ist, ohne groß zu jammern. Zuerst dürfen sie ihre KiTa´s und Schulen nicht besuchen. Dann fallen alle AG´s und Musikschulen aus. Sie dürfen nicht mit ihren Freunden spielen und müssen auf ihre Omas und Opas verzichten. Von tollen Kindergeburtstagspartys darf da überhaupt keine Rede mehr sein und der Spielplatz kommt für sie auch nicht in Frage. Auch das Einkaufen mit den Eltern fällt für sie aus. Dann dürfen sie wieder in die KiTa´s und in die Schulen. Doch fast alles hat sich geändert. Es herrschen strenge Einschränkungen und Hygienemaßnahmen. Zudem müssen die Schulkinder einen Mund-Nasen-Schutz tragen – manchmal bis zu acht Stunden am Tag. In den meist überfüllten Bussen und Zügen, die die Kinder zur Schule und wieder nach Hause bringen, sind sie oft den Launen der mitfahrenden Erwachsenen ausgesetzt und müssen mit ansehen, wie unvernünftig und beispiellos sich diese verhalten. All das nehmen unsere Kinder auf ihre kleinen Schulter, weil sie wissen: „Da draußen ist eine Krankheit. Ich weiß Mama, wegen Corona.“

U N S E R E   K I N D E R   S I N D   U N S E R E   H E L D E N !!!

Auch Jesus ist als ein Kind auf die Welt gekommen. Er wuchs in einem Land auf, das von einer fremden Macht beherrscht wurde und in dem man dessen Einwohnern eine fremde Kultur aufzwang und sie mit hohen Steuern belastete. Die Lage schien schier ausweglos und die Menschen hatten beinahe ihre Hoffnung auf eine Besserung verloren. Doch bei all den Schwierigkeiten der damaligen Zeit wurde Er als Kind und als heranwachsender Jugendlicher, in erster Linie von seinen Eltern, unterstützt und gefördert. Denn nicht nur Maria und Josef, sondern auch viele andere Menschen, haben in Ihm ihre Zukunft gesehen. Bereits mit zwölf Jahren „saß er mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.“ (Lk 2,46-47) Weiterhin heißt es im Evangelium nach Lukas: „Jesus wuchs heran, und seine Weisheit nahm zu, und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.“ (Lk 2,52) Und genau diese Liebe, Zuneigung und Aufopferung, die Jesus als Kind und als Jugendlicher von seinen Eltern und von seinen Mitmenschen erfahren durfte, gab er als erwachsener Mann in vielfacher Hinsicht zurück – bis zum bitteren Ende, als Er für uns alle am Kreuz starb, durch seine Auferstehung das Leid und den Tod besiegte und uns dadurch Hoffnung auf ein Leben bei seinem Vater schenkte.

Am 25. Dezember feiern wir Christen das Hochfest der Geburt des Herrn und unsere Aufmerksamkeit richtet sich zuerst auf ein kleines Kind, das die Zukunft der Welt bedeutet. Manch einer von uns denkt dabei vielleicht an seine eigene Kindheit und daran, wie sich diese auf sein späteres Tun ausgewirkt hat. Viele von uns denken an die eigenen Kinder, Enkel und Urenkel und machen sich darüber Gedanken, was aus ihnen wird – in einer sich stets verändernden Welt, die wir von ihnen nur ausgeliehen bekommen haben. Was uns bleibt, ist Hoffnung. Dazu schrieb der österreichische Lyriker Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Über die Geduld“ folgendes:

„Man muss Geduld haben
mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.“

So wünsche ich uns allen ein gesegnetes Fest der Geburt Jesu Christi. Ich wünsche uns, dass wir respektvoll miteinander umgehen und stets aufeinander achten – insbesondere auf unsere Kinder, die die wahren Helden sind. Ich wünsche uns ein Leben voller Hoffnung – mit alledem, was es ausmacht. Nicht nur irgendwie, bis es überstanden ist, sondern so richtig, als echtes Leben. Wer so zu leben und lieben versucht, der hofft. Er klammert sich nicht an eine bessere Vergangenheit und verzweifelt nicht an der Gegenwart, oder lebt einfach nur vor sich hin. Er rechnet mit der Zukunft. Und er lebt, vielleicht noch unbemerkt, von einer Hoffnung, die größer ist als er selbst.

Martin Dyjecinski, Gemeindereferent