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Freitag, 29. April 2022

Geistliches Wort für den Monat Mai 2022

Bild: pixabay.com

Die Liebe und die Kritik

„Ach, sieh an, die Liebe“, sagte die Kritik. „Was verschlägt denn dich hierhin?“
„Ich habe mich verirrt.“
Die Kritik lachte, nicht ohne Spott. „Aber das du tust doch immer, dich verirren. Das ist doch gewissermaßen dein Wesen. Denn du gründest auf einem Irrtum.“
„Auf welchem Irrtum gründe ich denn deiner Meinung nach?“
„Darauf, dass ein bestimmter Mensch wichtiger, besser und wertvoller ist als alle anderen.“
Die Liebe schüttelte den Kopf. „Das ist kein Irrtum.“
„Das musst du mir erklären“, forderte die Kritik. „Ich lerne immer gern dazu, auch wenn ich bezweifle, dass du mich etwas zu lehren hast.“
„Du könntest zum Beispiel von mir lernen, dass du ein Kind des Verstandes bist, das wie seine Eltern in einem begrenzten Raum leben muss, dessen Begrenztheit es nicht erkennt.“
„Oha! Und in welchem Raum lebst du? Etwa in einem grenzenlosen?“
„Nein. Aber im Gegensatz zu dir weiß ich, dass mein Lebensraum begrenzt ist.  Er kann nicht größer sein als das Herz des Menschen, das ich erfülle. Du kannst nicht verstehen, dass für mich ein Mensch wertvoller und wichtiger als alle anderen sein kann, weil dein Blick die innere Schönheit eines Menschen nicht erkennt.“
„Wie kommst du auf diesen Gedanken?“
„Du hast doch sicherlich schon mal gehört, dass man nur mit den Augen des Herzens gut sieht.“
Die Kritik stöhnte. „Oft genug habe ich das gehört. Ich meine allerdings, dass man nur mit den Augen des Verstandes gut sieht. Das Herz neigt dazu, das zu sehen, was es sehen will. Der Verstand sieht das, was ist.“
„Einigen wir uns darauf“, schlug die Liebe vor, dass man sowohl mit den Augen des Herzens als auch mit denen des Verstandes gut sieht, aber eben ganz Unterschiedliches wahrnimmt?“
Der Verstand erklärte sich nach kurzem Zögern einverstanden.
„Dann kannst du vielleicht auch akzeptieren, dass in meinen Augen ein bestimmter Mensch wichtiger und wertvoller alle anderen sein kann, weil ich ihn mit den Augen des Herzens als solchen erkannt habe.“
„Hm“, machte der Verstand unschlüssig. „Aber wie kannst du sicher sein, dass du dich nicht irrst?“
„Sicher kann ich mir nicht sein. Das Herz kann sich täuschen. Der Verstand aber auch. Aber ich suche nicht nach Sicherheit. Ich suche nach der Tiefe des Gefühls, nach dem Glück des Vertrauens und der Vertrautheit.“
„Jetzt habe ich doch etwas von dir gelernt“, gestand die Kritik. „Vielleicht habe ich dich unterschätzt.“
„Kinder des Verstandes unterschätzen die Kinder des Herzens gern.“
„Ist das umgekehrt nicht auch so?“
„Nein. Der Verstand hat eine Neigung zur Selbstüberschätzung. Das Herz neigt eher zur Bescheidenheit.“
Die Kritik wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr Blick konnte sich nicht von dem Gesicht der Liebe lösen, in dem sie eine Schönheit sah, die sie in ihrem eigenen Spiegelbild nie finden würde.

Hans Kruppa - Ein Lächeln für jeden Tag – Coppenrath Verlag 2021

Eine Geschichte, die mich ins Nachdenken brachte.
Schon oft lag mein Herz mit meinem Verstand im Widerspruch.
Ganz oft gab es in meinem Leben Entscheidungen, die von Herzen kamen und die ich hätte niemals vernünftig erklären können. Und doch hat die Erfahrung gezeigt, diese Entscheidungen waren gut und genau richtig.
Dann gab es wiederum Entscheidungen, da hatte, entgegen dem Herzen, die Vernunft die Oberhand. Obwohl sich mein Herz schwer tat, zeigt auch hier die Erfahrung: Auch diese Entscheidungen waren gut und genau richtig.

Ich glaube, es geht nicht um die Entscheidung, ob das Herz oder der Verstand der bessere Teil unseres Menschseins ist.
Ich bin davon überzeugt, das Herz braucht den Verstand und der Verstand das Herz. Nur so sind wir ganz und nur so ist für mich ein menschliches Miteinander nur möglich.

Welche Gedanken kommen Euch und Ihnen dazu?
Ich lade ein, mit mir ins Gespräch zu kommen!

Für den Monat Mai (und natürlich auch darüber hinaus) wünsche ich Ihnen viele liebevolle Begegnungen und auch vernünftige Momente!

Ihre Gemeindereferentin Doris Burkhart

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